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Brief an  bento

dozyk:

Hey Ole Reissmann,
das hier ist, glaube ich, der erste offene Brief, den ich so schreibe. Also bitte ich vorab um Verzeihung, dass ich dich damit so belange und falls er nicht so gelungen sein sollte.
Außerdem bitte ich um Verzeihung, da in diesem Text weder irgendwelche GIFs oder Emojis oder Selfies oder dergleichen auftauchen. Ich weiß, euer Bento-Verständnis von guten, zeitgemäßen Texten ist: Hauptsatz, Hauptsatz, Hauptsatz, drei Fotos und am Textende eine Zusammenfassung für alle, die wenig Zeit haben. Und das ist ja auch euer gutes Recht. Jeder darf und soll sein eigenes Verständnis von Texten haben. Ich hab gehört, die beim Print-Spiegel drucken sogar manchmal Texte, die länger sind als eine Seite. In kleiner Schrift und ohne Bilder! Haha, diese alten Hippies, was?


Ich hab auch sogar Verständnis dafür, dass ihr unseren Satireaccount @bento_is_hip (natürlich wiederum ein Imitat des lustigen, und übrigens auch noch nach Monaten friedlich existierenden Parodieaccounts @vice_is_hip) gelöscht habt. Ne, wirklich, Frauke und Ole und Maik und Stefanie und Frederic und wie ihr sonst noch alle heißen mögt! Kurzschlussreaktion! Kann mal passieren, mea culpa, mea culpa.
Da sitzt ihr im vom SPIEGEL-Papa mit geilen Laptops, hübschen Sitzecken, guten Kaffeemaschinen und flippigen Flipcharts ausgerüsteten, lichtdurchfluteten Großraumbüro und habt jetzt vom Papa die Aufgabe bekommen, irgendwie Journalismus für junge Leute ins digitale Zeitalter zu schleifen. Das soll gleichzeitig lässig und lustig, aber halt gleichzeitig auch total aktuell und betroffen und klug sein. Da soll der Spagat geschafft werden, zwischen dem traurigen Emoji mit der Träne und dem lachenden Emoji mit zwei Tränen. Ihr hofft auf Reichweite, auf Klicks, auf ordentlich – so nennt man das in eurer Branche – Buzz. Und worauf ihr vermutlich auch hofft: auf Anerkennung.


Anerkennung. Dass irgendwer euren Scheißjob anerkennt. Dass ihr nicht nur lausige GIF-Sammler, Trendhinterherhechler, Popkulturnacherzähler, Hashtag-Replikatoren seid. Dass eure Artikel mehr sind als paraphrasierte Pressemitteilungen für US-Serien, die wir gefälligst alle „feiern“ (Bento-Sprache, ca. „sehr mögen“)  sollen. Dass eure Politmeldungen mehr sind als ein Link, ein paar Erklärsätze und dann noch irgendwas zum Fühlen. Dass euch irgendwas unterscheidet von Buzzfeed, Himate, Ze.tt  - dass man die Unterschiede sehen und lesen kann, und zwar nicht nur, wenn man eure Seiten mit einer Kneifzange anpackt und so lange dreht und wendet, bis einem irgendwas halt schon auffällt. Dass Menschen merken, wenn ihr abends den Laptop im Büro ausschaltet und für einen kurzen Moment denkt, hey, wir haben da wirklich gerade was gutes abgeliefert.
Und dann kommt einem so ein beschissener Satireaccount ins Gehege. Oah, wie nervig das halt sein muss. Die machen sich lustig – über euer Konzept! Über eure harte Arbeit. Über euren Versuch, wirklich was Großes, was Neues aufzubauen, vielleicht nicht gerade was inhaltlich Wertvolles aufzubauen, aber zumindest was mit guten Klickzahlen und okayen eingebetteten Anzeigen. Das Wort „Feuilleton“ müsst ihr googlen, aber sonst geht es ja eigentlich ganz okay. 


Irgendwie muss dieser Account weg. Was wird Papa sagen. Das Konto hat noch nicht viele Follower, das fällt keinem auf. Vielleicht findet sich ja irgendein Tweet, der uns persönlich beleidigt? Hm, ne. Der irgendwie zu Spam verleitet? Ach, mist, auch nicht. Gewaltdarstellungen? Nope. Aber hier, dieser eine Tweet mit den Flüchtlingsheimen – das ist doch ziemlich scheiße, sogar rassistisch. Oder Ole, was sagst du dazu? Naja, Frauke, wenn du meinst, wird schon stimmen! Also schnell bei Twitter in Berlin angerufen, „Halli hallo hallöchen, wir sind die Jungs und Mädels von Bento, und zwar Bento vom SPIEGEL!“ in den Hörer geflirtet und die Sache hat sich. Der Account ist weg.
Wenn Leute darüber meckern – und das Satirekonto hat mittlerweile mehr als 900 Follower, über Nacht, ups – dann reden wir uns damit raus, dass der Tweet halt irre rassistisch war. Und später auch wieder gelöscht wurde. Das kann uns dann halt wirklich keiner nachweisen, was, Ole? Alles klar, Frauke! Die Leute werden sich mit uns solidarisieren, werden ihre Vorurteile ablegen, werden jauchzend und glücklich uns zur Info-Startseite machen oder uns zumindest auf dem Home-Screen speichern.


Leider ist es nicht ganz so gekommen, Ole Reissmann, und ihr habt euch mit der Satire-Aktion ziemlich ins Bein geschossen. Irgendwann kam dann raus, dass wir auf unserer Seite nie „rassistischen Scheiß“ gepostet oder diesen danach gelöscht hätten. Später reichtet ihr ein etwas durchdachteren Text nach: Ein Tweet von uns habe euch nicht gefallen. Ebenjener („Flüchtlingsheime anzünden: Wir haben den neuen Ekel-Trend ausprobiert“) würde eventuell dazu führen, dass ihr mit Ausländerhass in Verbindung gebracht werdet. Okay, anscheinend haltet ihr von der Medienkompetenz eurer Leser nichts. Zwischen Satire und dem Original könne man anscheinend nicht mehr gut genug unterscheiden. Was für ein Triumph für uns, wenn ihr zugeben müsst, dass wir zu nah am Original waren, anscheinend.
Es sei eine Kurzschlussreaktion gewesen. Im Nachhinein sicher auch ein Fehler. Mea culpa. Mea culpa. Wir waren ganz schön unsouverän und dämlich, oder, Frauke? Ja, und auch echt uncool, Ole!


Anfangs war ich ziemlich wütend darauf, dass ihr einen für euch eigentlich völlig ungefährlichen Satire-Account abschießt, sobald er am Horizont auftaucht. Dass ihr wirklich gedacht habt, dass euer oberflächliches Journalismus-Imitat so gut und korrekt und zeitig ist, dass Satire es nun wirklich nicht braucht. Dass ihr auch ganz gern mal lacht, abends oder so, in der Kneipe, hinter vorgehaltener Hand, aber manchmal hat der Spaß auch Grenzen! Dass ihr gegen Satire mit den gleichen Zensur-Maßnahmen vorgeht wie gegen echte Nazis, echte Rassisten, die es auf Twitter zuhauf gibt und gegen die dann aber meistens ein Scheiß unternommen wird! Dass ihr nicht rafft, dass euer Selfie-Journalismus keinen Platz mehr lässt für Theorie, Analyse, Kritik und Einordnung. Dass Leute, die dies dann als Satire auf die Spitze treiben, sofort von euch vertrieben werden müssen.
Keine Angst, ich krame jetzt nicht die viel zu oft zitierte Halbwahrheit „Satire darf alles!“ raus. Darf sie nämlich nicht. Unser Tweet „Flüchtlingsheime anzünden: Wir haben den neuen Ekel-Trend ausprobiert!“ war wirklich nicht das Gelbe vom Ei. Er sollte aber zeigen, dass euer Selfie-Journalismus für das Selfie alles tun würde. Für den Klick, die Reichweite, den Buzz. War der Tweet übertrieben? Natürlich! War er ungerecht? Na aber hallo! Wäre es ein TITANIC-Cover, würdet ihr es happy in „Lustige Bilder vom Tage“ verlinken. Und doch war es nur einer von dreißig Tweets. Ihr habt den Diskurs verengt und wolltet von euch ablenken, auf uns böse böse Internet-Rambos. Ihr habt euch in eurer Spießigkeit und Verbiestertheit offenbart. Auf euch hagelte es mehr Spott als es unser kleiner, alberner Twitter-Account je gekonnt hätte. Twitterer schrieben, Blogs schrieben, Medien schrieben, Jan Böhmermann schrieb. So, there. Suits you well. 


Warum ich aber immer noch angepisst bin, Ole Reissmann? Von dir, von euch? Nein, nicht wegen eurer Seite. Die ist mir ab sofort super-egal. Ich strafe euch mit kompletter Ignoranz. Sondern weil du Scheiße über mich verbreitest. Als Kommentatoren auf Twitter bemerkten, dass Satire ganz gern mal böse wäre und nach euren Maßstäben „Der Postillon“ schon längst gelöscht wäre, schreibst du: „Aber: Der “Postillon” nutzt nicht Namen und Logo einer anderen Marke und verbreitet so Flüchtlingsheim-Abbrennen-Sprüche.“ Du schreibst über uns (und damit vor allem leider über mich), dass ich Sprüche a la „Flüchtlingsheime abbrennen“ verbreite. Sag mal, weißt du, was für eine ungeheurliche Nazischeiße du mir damit unterstellst? Ich bin 22. Mein Name wird noch so einige Male gegoogelt werden, vermutlich auch beruflich. Ich möchte mit sowas nicht in Verbindung gebracht werden, nur weil du für dein hübsches Prestigeprojekt keinen Bock auf Satire hattest und dir die ganze Aktion im Nachhinein scheißepeinlich ist. Und weil du nicht die Eier hattest (Bento-Sprache, vgl.“ Mut“), mit uns in Kontakt zu treten. Was jederzeit möglich gewesen wäre. Wir hätten natürlich auch sofort beanstandete Tweets gelöscht. Uns ging es nicht um Bösartigkeit. Unser Ding war Parodie. Du denunzierst.
Du trittst nach und sagst, ich hätte Rassismus, Nazi-Parolen verbreitet.  Wie weit möchtet ihr euch noch aus dem Fenster lehnen? Jetzt mal ernsthaft? Ist das euer tolles journalistisches Ethos? Falls ja, dann braucht Bento eh keinen Satireaccount mehr. Dann ist es eh zu spät.


Wenn ihr das nächste Mal also die zehn Tipps für das perfekte Selfie aufschreibt, dann guckt doch mal etwas länger in den Spiegel (Tipp Nr. 7, gibt’s an jedem Kiosk!) und fragt euch, ob euch gefällt, was ihr da seht. 


Mit gar nicht mal so herzlichen Grüßen,
Matthias

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